Nachflieger: Um die Ecke: DC9 in Isafjordur

Von Urs Wildermuth

Als ich in der letzten Ausgabe die Chance erhielt, die Coolsky DC9 etwas genauer anzusehen, war mir schon klar, dass ich diesen Flieger weiter benutzen wollte. Ein schönes Flugmodell sowie ein hervorragend konzipiertes Cockpit verbunden mit der Technik der 60er Jahre waren einfach zu schön, um es nur bei einem Reviewflug bleiben zu lassen. In Hergiswil, beim Flightsim Weekend, bat mich Marc nochmals doch einen Nachflieger mit der DC9 zu schreiben.

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Nach einigen verworfenen Varianten sah ich auf YouTube ein Video über die Landung einer Fokker 50 auf einem interessant aussehenden Platz in Island. Isafjordur (BIIS) heißt der Flugplatz an der Nordwestspitze Islands, der in einem Fjord gelegen und von hohen Bergen umgeben ist. In der Datenbank nachgesehen stellt sich heraus, dass der Platz ganze 1400 m Piste hat. Das sollte doch für eine DC9 machbar sein, denk ich mir. Schließlich hatte ich die Maschine bereits bei den ersten Flügen für die Tests nach Altenrhein gebracht, wo auch nur 1600 m zur Verfügung stehen. Doch zuerst muss man mal dahin kommen.

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Ich starte den Flug in Keflavik, dem internationalen Flughafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Mit dem FS-Flugplaner schaue ich mir die Route an. Denn die DC9 kann kein RNAV, also sind Wegpunkte relativ sinnlos, daher lässt sich eine von Funkfeuer zu Funkfeuer führende Route recht einfach abklären. Gleich drei NDBs stehen hier zur Verfügung, die den Weg nach Isafjordur zeigen. Gut, also das kann man auch wieder mal üben. Der Microsoft-Planer rechnet mit einer Flugzeit von 17 Minuten und schlägt 7000 ft als Höhe vor. Für die DC9 aber sind wohl etwas mehr angebracht, ich plane mal mit FL150. Da bei der unglaublichen Strecke von 250 km wohl nicht die Gefahr besteht, die Tanks leer zu fliegen, lasse ich es bei 7 Tonnen bewenden. Das Loadsheet, ausgestellt durch den Planer von Coolsky, gibt mir ein Startgewicht von 96 100 lb vor, dazu die Speeds von V1 130, Vr 134 und V2 von 141 kt. Wettermäßig liegen keine Probleme vor, Isafjordur meldet einen Wind von 080° mit 10 kt und, völlig islanduntypisch, CAVOK.

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Mit dem Konfigurationstool lasse ich mir den Flieger „startbereit“ setzen und rolle in Keflavik zur Piste 02. Diese zeigt ziemlich genau nach Norden, genau richtig für uns. Nach wenigen Minuten Vorbereitung setze ich auf dieser Bahn Startleistung und bin nach weniger als der Bahnhälfte in der Luft.

Microsoft Flight Simulator  Flugplan
Keflavik -> Isafjordur
Entfernung: 261.1 km
Geschätzter Treibstoffverbrauch: 450.0 l / 361.4 kg
Geschätzte Flugdauer: 0:17

Navigationspunkte

Strecke Höhe (Fuß) Steuerkurs Entfernung GS (Knoten) Treibstoff (l/kg) Abhebezeit
Abschnitt

7036.3

0:00

BIKF Rest Gesch. Gesch. Gesch. Zeit

261.1

Tats. Tats. Tats. Zeit
BIST
(Flughafen)

-D->

7000

012

121.8

478

210.6 / 169.1

0:08

139.3

/

RE (316.0)
(NDB)

-D->

7000

026

97.9

478

169.3 / 135.9

0:06

41.3

/

OG (400.0)
(NDB)

-D->

5208

336

17.3

486

28.9 / 23.2

0:01

24.1

/

IS (385.0)
(NDB)

-D->

1491

308

17.2

478

29.4 / 23.6

0:01

6.9

/

BIIS
(Flughafen)

-D->

8

244

6.9

474

11.9 / 9.6

0:00

0.0

/

 

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Der erste Wegpunkt, der Flughafen BIST, liegt ziemlich gerade voraus. Ich steige auf FL150 und fliege über ihn. Nächster Punkt ist ein NDB mit der Kennung RE, auf Kurs 026 und 97 km von BIST entfernt. Von hier beginnt bereits der Anflug auf Isafjordur. Ich sinke bereits wieder auf 7000 ft ab. Bisher alles von Hand geflogen, für den Autopiloten bleibt da kaum Zeit. Abgesehen davon macht das Fliegen mit der DC9 einen Riesenspaß. Gewöhnungsbedürftig ist die Bedienung der ADFs, denn das sind analoge Dinger, die schon Fred Feuerstein den Weg zum Brontosaurussteak gewiesen haben dürften. Ein Blick in die Anleitung vor dem Abflug ist hier ratsam, ansonsten gilt der alte Grundsatz des von Gerd Fröbe so herrlich gespielten Preußengenerals: Ein deutscher Offizier kann alles! Auch Fliegen mit dem Handbuch in der Hand … nun, das Resultat seines Versuchs ist ja bekannt, dazu kommt, dass das DC9-Handbuch eine Kleinigkeit mehr Inhalt bietet als die Gebrauchsanweisung des Fliegerschnauferls aus „Die tollkühnen Männer…“.

Das Anflugbriefing geht für Piste 08, 1400 m lang, in einem Talkessel gelegen. Es ist ein Circling vorgesehen, das ich dem Video der Fokker 50 nachempfinden will. Nach dem nächsten NDB (IS) fliegt man eng an der Fjordwand entlang auf circa 1000 ft im Downwind und muss danach im tiefen Talkessel recht heftig drehen, um in den Queranflug und danach auf die Piste zu kommen. Es empfiehlt sich vor dem Einflug in den Fjord mal einen Modus abzuspeichern, damit man gleich wieder anfangen kann, falls, na ja …

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Wir fangen den Anflug auf 5000 ft beim NDB OG an und sinken darauf auf 1500 ft ab zum NDB IS. Von dort geht’s mit einer Linkskurve in den Fjord hinein, es empfiehlt sich hier bereits früh zu konfigurieren, Gear Down und Flaps auf 40° zum Beispiel. Im Downwind sinkt man weiter ab auf etwa 1000 ft AGL, nutzt die Breite des Tals voll aus und dreht danach in den Queranflug. Nun muss relativ schnell Höhe vernichtet werden, denn einen eigentlichen Final gibt’s hier nicht … man dreht aus dem Queranflug ziemlich direkt auf die Piste ein und beendet die Kurve über der Schwelle.

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Unsere Anfluggeschwindigkeit beträgt 134 kt, mit Full Flaps braucht das ganz schön Power, um hier nicht abenteuerliche Sinkraten zu produzieren. Beim ersten Anflug misslingt das gewaltig, Go Around und gleich nochmal. Beim GA empfiehlt sich, erst mal wieder aus dem Fjord rauszufliegen und dann nochmal richtig von vorne anzufangen, sonst wird das nichts. Schön dass die DC9 ohne aufwendiges Umprogrammieren von FMS und sonstigen Gadgets klar kommt. Der zweite Anflug gelingt schon besser, wäre aber wohl für echte Passagiere zur boulevardwürdigen Nummer gelangt: Erst im Final Turn fast 45° Bank auf 200 ft, danach eine heftige Arrival mit vollem Bremseinsatz und Reverse. Auch da dürfte es bei einigen Sitzen zu Gebissmarken kommen. Nach dem Stillstand erst mal warten, bis Puls und Blutdruck ein Rollen zulassen, danach drehen und Backtrack. Die DC9 hat einen komfortabel engen Wendekreis und schafft es auch auf dieser Bahn zu drehen.

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Nach dem Turnaround folgt der Rückstart nach Keflavik. Dieser ist faktisch nur auf Bahn 08 möglich, da ein Abflug auf der 26 eine Steilkurve unmittelbar nach dem Abheben verlangen würde. Auch auf der 08 muss man vorzugsweise erst mal in Richtung links wegdrehen, um die Hügel auf der Seite zu vermeiden.

Die DC9 erfüllt dabei ihre Aufgabe ganz famos. Mit ihrer Masse und den nicht gerade üppigen Leistungsreserven muss man aber aufpassen nicht hinter die Power-/Drag-Kurve zu geraten, speziell beim Endanflug. Ansonsten kann es sehr schnell ins Gemüse gehen. Isafjordur ist aber ein interessanter Platz für diesen Flieger, auch wenn er in Realität wohl nicht damit angeflogen würde. In diesem Sinne wünsche ich vergnügliche Nachflüge ohne zu viel Valiumeinsatz.

Urs Wildermuth

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