Dodosim Bell 206 FSX Review: Willkommen im Helikopter-Himmel

Im Microsoft Flugsimulator kann man seit der Version 98 mit Hubschraubern abheben. Aus der ursprünglichen „Cessna mit Rotoren“ entwickelten sich mit der Zeit mehr oder weniger geglückte Versionen mit dem Anspruch „realistischer“ Flugeigenschaften. Dodosim mit seiner Bell 206 gehört zu den wenigen Entwicklern, welchen das mit einigen Einschränkungen tatsächlich gelungen ist. Die Bell 206 „Advanced“ für den FS2004 ist nun gründlich erweitert auch für den FSX erhältlich. Zu testen, wie real sich dieser Helikopter fliegen lässt konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Die Bell 206 „Jet Ranger“ (militärische Bezeichnung OH-58, Kiowa) des US-Herstellers Bell Helicopters gehört wohl zu den bekanntesten Helikoptertypen der Welt. Dazu beigetragen haben die hohen Produktionszahlen sowie ihre weltweite Verbreitung und ihr Einsatz in fast allen Bereichen der zivilen und militärischen Helikopterfliegerei. Wie bei den meisten Helikopterentwicklungen jener Zeit geht  auch die der Bell 206 auf die Nachfrage aus militärischen Kreisen zurück. 1960 schrieb die US Army einen Wettbewerb für einen LOH (Light Observation Helicopter) aus. Bell Helicopters kam mit seinem Prototypen OH-4/206A zwar in die engere Wahl, verlor das Rennen aber gegen die OH-6 (zivil MD 500). Da die Einführung der OH-6 unbefriedigend und kostspieliger als erwartet verlief, wurde das Projekt neu ausgeschrieben und endete zu Gunsten der Bell 206A. Wie ihre größere Schwester Bell 205 oder UH-1 „Huey“ wurde die OH-58 Kiowa im Vietnamkrieg mit großem Erfolg eingesetzt. Bis Kriegsende wurden 2000 Maschinen ausgeliefert. In den folgenden Jahren wurden verschiedenste Kampfwertsteigerungen eingeführt. Nebst modernsten Aufklärungsanlagen wie dem Mastvisier, stabilisiertem Infrarot (FLIR) und Infrarotstörgerät, stehen verschiedene Waffenkonfigurationen für die Bekämpfung von leicht oder schwer gepanzerten Zielen zur Verfügung. Die „Kiowa Warrior“ wurden zwischen 1987 und 1989 erfolgreich als Tankereskorten im persischen Golf eingesetzt und konnten auch im zweiten Golfkrieg erfolgreiche Angriffe gegen Schiffe, Raketenstellungen und andere Ziele ohne eigene Verluste durchführen. Bei Bell war man bereits bei Produktionsbeginn überzeugt, dass dieser zuverlässige Helikopter auch auf dem zivilen Markt Erfolg haben würde, und bot das Modell mit nur geringfügigen Modifikationen mit dem Vermarktungsnamen Jet Ranger an. Ein vergleichbarer Typ in der Gewichtsklasse war zu dem Zeitpunkt auf dem westlichen Markt nicht vorhanden. Somit wurde die Bell 206 schnell ein gefragter Bestseller und gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Turbinenhelikoptern – und zu den am längsten gebauten. Die Bell 206 wird noch immer, gegenwärtig in der Version B3, produziert. Aufgrund konkurrenzlos niedrigen Betriebskosten, hoher Zuverlässigkeit und günstigem Unterhalt ist dieser Typ seit Jahrzehnten auch bei zivilen (Helikopter)unternehmen heißbegehrt,  für Schulungen, Taxi- oder Rundflüge. Das Design gilt als zeitlos und die Autorotationseigenschaften sind hervorragend. Die Nachfolgerin Bell 407 mit dem neuen Vierblattrotor konnte bei weitem nicht an den Erfolg der Bell 206 anknüpfen und erwies sich auch in der militärischen Variante als Flop.

Dodosim’s Bell 206 FSX ist als Download für 41,55 Euro und inzwischen auch als Boxversion für 49,99 Euro erhältlich. Das liegt im oberen Preissegment für Heli Add-ons, ist aber angesichts des Leistungsumfangs durchaus vertretbar. Die gelieferten Modelle stellen die aktuelle Produktionsversion B206B-3 dar. Standardmässig wird hier die Turbine Rolls-Royce (vormals Allison) 250-C20J mit der maximalen Startleistung von 420 PS verbaut (Stand 2006). Insgesamt erhält man im FSX-Hangar drei Modelle in vier Konfigurationen: Hohes oder niedriges Kufengestell, Schwimmer sowie die Utility-Version mit Kabelschneidern und Unterlasthaken. Letztere ist nur optisch von Bedeutung. Lastenflüge, etwa bei FSX-Missionen, sind mit der B206 von Dodosim noch nicht möglich. Alle Versionen können zusätzlich mit oder ohne Türen geflogen werden. Macht unterm Strich 24 Varianten. Ein weiterer wichtiger Fortschritt ist, dass die im FS2004 komplizierten Steuerzuordnungen für das künstliche Gegendrehmoment im FSX wegfallen. Die wenigen Grundeinstellungen werden im  mitgelieferten PDF-Handbuch ausführlich erklärt. Bisher ist es nur in Englisch verfügbar und mit seinen 88 Seiten das umfangreichste seiner Art. Sowohl Helinovizen als auch Ein- oder Umsteiger auf die B206 empfehle ich das Werk wärmstens. Von der Installation bis zu den Notverfahren wird alles detailliert beschrieben, darunter insbesondere der Triebwerkstart auf den ich besonders eingehen werde.

 

Dodosim’s B206 für den FSX

Das von Dodosim entwickelte B206-Modell wurde für den FSX komplett überarbeitet, sowohl äusserlich wie auch bezüglich des Flugverhaltens. Die Texturen sind fotorealistisch und es gibt keine erkennbaren Mängel. Selbst Unebenheiten des Metalls an bestimmten Rumpfstellen sind je nach Lichteinfall sichtbar. Auf die Abbildung von Gebrauchsspuren wurde verzichtet, so dass jeder Heli in fabrikneuen Farben erstrahlt. Inzwischen sind verschiedene Repaints im Internet verfügbar. Animiert sind die Rotoren, Türen und die Pilotenfigur. Passagiere hat man wie bisher wohl aus Performancegründen ausgelassen. Die Beleuchtungsanlagen sowie der Landescheinwerfer überzeugen ebenfalls. Die Texturen haben keinen erkennbaren Einfluss auf die Frame Rate. Die Sounds sind sowohl vollständig als auch originalgetreu. Etwas vom Feinsten, was aus den Lautsprechern kommen kann. Schon beim Drücken des Starterknopfs bekomme ich fast eine Gänsehaut, erst recht, wenn die Turbine zündet. Man hat einfach das Gefühl, im richtigen Ding zu sitzen. Bei Dodosim gehören zur Geräuschkulisse auch alle hörbaren mechanischen Laute, welche zum Beispiel durch dynamische Kräfte auf den Hauptrotor und die Blätter entstehen. Je nach Änderung des Blattanstellwinkels und der Fluglage hört man ein charakteristisches Knattern. Auch die Warntöne treten situationsgerecht auf. Das Panel entspricht der typischen Auslieferung mit analogen Instrumenten und unterscheidet sich nicht wesentlich vom Standard-B206 des FSX. Der wesentlichste Unterschied sind die Klickspots sowie die funktionierende Schalter am oberen wie unteren Panel. Damit können alle relevanten Funktionen originalgetreu bedient werden. Auch die Rotorbremse ist funktionstüchtig, wegen der etwas zu kurzen Auslaufzeit des Rotors jedoch kaum nötig. Die Texturen in der Kabine sind nicht überragend aber ausreichend. Wesentlich ist,  dass die Instrumente authentisch arbeiten. Dies gilt insbesondere für die Triebwerkanzeigen und die Rotordrehzahl. Vergleiche mit entsprechenden Videos auf Youtube bestätigen das. Bevor es in die Luft geht eine Randbemerkung zur Hardware: Ein solider Steuerknüppel sowie Pedale ist ein Muss. Beides fein kalibriert versteht sich. Die B206 von Dodosim ist sonst kaum feinfühlig steuerbar. Bei diesem Add-on bietet sich die Verwendung eines echten B206 Pitch mit Starterknopf an. Solche Nachbauten werden inzwischen auf dem Markt einzeln oder als Teil eines kompletten Steuersets vertrieben. Vor allem Piloten der echten B206 werden das so einhundertprozentig trainierbare Startverfahren schätzen. Auch die Systemleistung ist nicht unwesentlich: Mindestens 25 FPS sollten es sein, damit die B206 mit der nötigen Feinfühligkeit gesteuert werden kann.

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Vor meinem ersten Testflug war ich natürlich gespannt, wie sich die lange Liste von Änderungen der Flugeigenschaften an der B206 von Dodosim für den FSX auswirkt. Der erste Eindruck beim Abheben ist eindeutig: Es gibt endlich ein richtiges Gegendrehmoment! Bleiben die Pedale in der Mitte, dreht die Zelle (bei linksdrehendem Rotor) direkt nach rechts. Ein leichter Druck auf das linke Pedal beseitigt den Effekt. Da bei der echten B206 der Heckrotor bis 20 Prozent der Turbinenleistung beansprucht, kann eine zu späte Korrektur im Grenzebereich fatal enden. Je nach Windrichtung kann es auch zum gefürchteten „LTE“ (Loss of Tail Rotor Effectiveness) kommen: dem Strömungsabriss am Heckrotor. Die B206 von Dodosim simuliert auch diese Gefahrenquelle. Sie tritt vor allem bei langsamen Kurven und einer bestimmten Windrichtungen auf –meistens in Bodennähe. Ab etwa 60 Knoten gleichen der Windfahneneffekt sowie die Seitenflosse das Gegendrehmoment weitgehend aus. Im Langsamflug muss man wieder auf der Hut sein: Je höher der Anstellwinkel des Hauptrotors, desto stärker auch das Gegendrehmoment. Der Schwebeflug an sich fordert mich nicht sonderlich heraus. Heikel wird es erst bei Bewegungen um die Hochachse oder beim Hoover Taxi. Hier muss man effektiv mit allen Vieren präzise und dosiert arbeiten. Der Pendeleffekt macht sich dabei ebenfalls gut bemerkbar. Sobald man sicher abgehoben und Übergangsgeschwindigkeit erreicht hat, geht es entspannter zu. Bei Dodosim werden die typischen Verhaltensweisen von Hubschraubern fast vollständig simuliert. Zu den normalen gehört die Tendenz, sowohl im Schweb- als auch im Vorwärtsflug nach rechts oben zu steigen. Eine weitere ist der „Flap Back“, womit die Hubschraubernase mit zunehmender Geschwindigkeit steigt. Auch die Auftriebs-Asymmetrie wirkt sich spürbar aus. Sie entsteht, weil das vorwärtsdrehende Rotorblatt mehr Auftrieb als das rückwärtslaufende erzeugt. Die so entstehende Rollbewegung wird teilweise durch aerodynamische Massnahmen am Hauptrotor gedämpft, muss aber auch teilweise mit dem Steuerknüppel korrigiert werden. Diese Effekte sind jedoch alle leicht beherrschbar. Auf mehrfache Anfrage hin hat Dodosim sogar eine virtuelle „Force Trim“-Funktion eingebaut. Damit wird die hydraulische Steuerunterstützung simuliert und soll das Fliegen mit automatisch zentrierten Joysticks komfortabler machen.

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Auch die kritischen Flugzustände kommen bei Dodosim bekanntlich nicht zu kurz. Erst ist die Performance zu nennen. Sie beeinflusst die Flugdynamik deutlich. Bei zu hohem Startgewicht ebenso wie in bestimmten Höhen. Auch den Wind darf man nicht unterschätzen. Ein Abheben ist zwar bei 100% Leistung möglich, aber nur für kurze Zeit. Wer dauernd das Letzte aus dem Triebwerk rauskitzeln muss, darf sich über Ausfälle nicht wundern. Interessant ist auch, wie sich fliegen mit demontierten Türen auswirkt. Der starke Luftzug macht den Hubschrauber nämlich instabil, so dass man nicht schneller als 80 Knoten fliegen sollte. Auch fürs Fliegen mit Schwimmern wurde die Flugdynamik bezüglich Widerstand und verfügbarer Nutzlast angepasst. Den Gefahren des Helikopterfliegens hat sich Dodosim ebenso, seit Beginn und leidenschaftlich, gewidmet. Das Hauptproblem: Die Zeit. Die meisten Notverfahren verlangen sofortige und korrekte Reaktionen, praktisch in Sekundenbruchteilen. Eine vorrausschauende, aufmerksame Flugweise ist daher oberstes Gebot. Wohl wenige wissen, dass eine Autorotation bei unter 60 Knoten Vorwärtsgeschwindigkeit unter 150 Metern über Grund kaum machbar ist. Eine ebenso alltägliche Gefahr ist der Rotor- oder Blade Stall – der Strömungsabriss. Grund dafür ist meist eine zu hektische Rotorblattverstellung bei hohem Gewicht oder in Höhenlagen. Das überforderte Triebwerk kommt nicht mit und die Rotordrehzahl bricht zusammen. Auch hier ist die Folge ein schneller Höhenverlust. In ausreichender Höhe kann man die Drehzahl durch ein sofortiges Absenken des Pitch retablieren. Ein wahrer Albtraum von Helipiloten ist aber der Vortex-Ring. Dieser entsteht vereinfach gesagt, wenn der Helikopter schneller als ein Abwind sinkt. Nebst der hohen Sinkrate kann sehr schneller oder langsamer Vorwärtsflug und sogar Leistungsbedarf dazu führen, dass die vom Hauptrotor nach unten gedrückte Luft nicht schnell genug zur Seite abfließen kann. Dadurch wird die Luft im oberen Bereich der Rotoren erneut angesaugt. Der so entstandene Ring kreist nun um die Blattspitzen und wird immer wieder erneut angesaugt. Das Wirbelringstadium macht sich im echten Helikopter vor dem Eintreten durch Vibrationen am Hauptrotorkopf bemerkbar, im FSX natürlich nicht. Hier merkt man es erst mit dem Ertönen der Drehzahlwarnung und dem Textband. Dann ist es aber oft schon zu spät. Dem Vortexring muss sofort durch Aufnahme der Geschwindigkeit und sofortiges Absenken des Pitch entgegenwirkt werden. Auch hier wirkt sich Bodennähe fatal aus, weil die Höhenreserven für die Wiederherstellung eines stabilen Flugzustandes einfach nicht ausreichen. Ist ein Steilanflug unumgänglich, muss dieser äusserst behutsam erfolgen. Dodosim simuliert als einziger Hersteller den Vortex-Ring und das sehr eindrücklich.

 

Eine weitere Exklusivität bei Dodosim ist der Trainingsmodus. Hier können Ausfälle am Triebwerk, der Hydraulik und an der Steuerung vorprogrammiert und die jeweiligen Notverfahren trainiert werden. Ich staunte nicht schlecht, als ich das erste Mal mit „blockierten“ Pedalen landen wollte. Schweben ist da natürlich ausgeschlossen. Je nach Stellung des Heckrotors macht der Hubschrauber kurz vor dem Aufsetzen eine deutliche Drehbewegung in eine vielleicht erahnbare Richtung. Eine Kufenlandung oder Autorotation sind hier die einzigen Alternativen. Thema Autorotation: Der Sinkflug geht mitunter etwas zu schnell, wenn man die Idealgeschwindigkeit von 55 Knoten halten will. Abbremsen und Aufsetzen wirken jedoch sehr realistisch und sind gut kontrollierbar. Die vertikale Autorotation ist aufgrund programmiertechnischer Einschränkungen des FSX nur beschränkt möglich. Gleitende Autorotationen sind daher zu bevorzugen.

 

Zu Dodosim’s B206 gehört auch erstmalig eine automatische Aufzeichnung technischer Daten pro Modell und Immatrikulation! Erfasst werden Abnützung und Beschädigungen von Getriebe oder Turbine (wear) sowie die Anzahl Triebwerkstarts, Flugstunden und der Treibstoffverbrauch mit den Kosten. Jede Überbelastung wird mit einem Hinweistext angezeigt und protokolliert. Bei einem Totalausfall ist eine Generalüberholung fällig. Dafür gibt es ein Dodosim-Menü unter „Modules“. Hier können Getriebe, Turbine oder auch der ganze Hubschrauber überholt werden. Im Anschluss wird einem die Rechnung präsentiert, wie unter anderem auch beim Tanken. Ob die Zahlen in jedem Fall stimmen, ist fraglich aber für den Spassfaktor eher nebensächlich. Diese Funktionen können bei Bedarf auch deaktiviert werden.

 

Fazit:

Für einen Helikopter-Fan gehört die Dodosim B206 einfach in den FSX-Hangar. Sie ist definitiv jeden Cent wert. Näher kann man dem echten Helifliegen im FSX bis heute kaum kommen.

 

Pro: –          Ausgezeichnetes Aussenmodell-          Höchstmöglich reale Flugeigenschaften inklusive  Gegendrehmoment

–          Originalgetreues Triebwerk-Startverfahren

–          Trainierbare Notverfahren

–          Logbuch pro Hubschrauber mit Verschleissaufzeichnung

–          Echte Sounds

–          Umfassendes Handbuch

Contra: –          Handbuch nur in Englisch und ohne Checklisten.

 

 

 

 

Entwickler: Dodosim
Vertrieb: SWREG, Simmarket, Flight1 Europe
Website: www.dodosim.com
Kompatibilität: FSX
Download: Ja
Preis: Download: 41,85 EUR / Box: 49,94 EUR

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