Captain Sim Boeing 777 – Die Queen der Langstrecke

Update: ganzer Artikel kostenlos online!
Lange erwartet und nun endlich da: Die Captain Sim Boeing 777 hat den Betastatus verlassen und wurde als 1.0-Produkt offiziell veröffentlicht. Der folgende Test soll zeigen, ob die Maschine auch im FSX die „Queen der Langstrecke“ werden kann.

Was bietet die Boeing 777 von Captain Sim?

 

Das Basepack bringt gleich zwei Versionen der weltweit sehr beliebten Triple Seven mit sich: die Standardversion -200(ER) und die nach der Jahrtausendwende entwickelte Version -LR, welche die zurzeit größte Reichweite aller Passagierflugzeuge hat. Neben den Außenmodellen mit GE- und PW-Triebwerken bietet das neue Add-on einen Originalsound sowie eine Umsetzung des Cockpits der 777. Allerdings offeriert Captain Sim kein 2D-Panel mehr, die Umsetzung erfolgt nur noch in Form des virtuellen Cockpits. Die mitgelieferten Flugmodelle kommen in den Bemalungen von Air Canada, Air France, American Airlines, British Airways, Delta Airlines, Emirates, Japan Airlines, KLM, Korean Airlines, Singapore Airlines und United Airlines daher. Zur Ausstattung gehören auch noch ein Load- und Bemalungsmanager sowie ein Handbuch. Vertrieben wird die Captain Sim Boeing 777 zurzeit ausschließlich über deren Homepage für gut 60 Euro. Zusätzlich hat der virtuelle Pilot die Möglichkeit, in naher Zukunft Zusatzpakete zu erwerben. Damit werden die Boeing 777-300 und -300ER sowie die -200F nachgeliefert. Die Preise für diese Erweiterungen stehen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Geschichte

856138_4450023651057_206296124_o

Die Geschichte der Boeing 777 geht zurück bis in das Jahr 1986. Zu dieser Zeit keimte bei Boeing die Chance auf, die unzähligen Lockheed Tristar und Douglas DC-10 zu ersetzen. Vorerst war eine gestreckte und abgewandelte neue Version der Boeing 767 geplant. Doch schnell wurde klar, dass dieses Muster nicht gegen die Konkurrenz in Form der McDonnell Douglas MD-11 und der Airbus-Modelle A330 und A340 standhalten würde. Boeing entschied sich also für eine komplette Neuentwicklung, übrigens die erste Neuentwicklung von Boeing, die komplett am PC entworfen wurde und erstmals über eine Fly-by-Wire-Technik verfügen sollte. Um die Marktchancen des neuen Flugzeugs zu erhöhen, entschied sich Boeing für sein neues Flugzeug für nur noch zwei Triebwerke, damit sollten die operativen Kosten gegenüber der MD-11 um 10 Prozent und gegenüber der A340 um 30 Prozent niedriger liegen. Doch für dieses Vorhaben waren Triebwerke von Nöten, die einen Schub von mindestens 70 000 bis über 80 000 lbs leisteten, und solche Triebwerke waren Ende der 1980 Jahre noch nicht verfügbar. Ebenfalls wurde von den Airlines von vornherein verlangt, dass der neue Flieger langstreckentauglich ist, sprich nach den Regeln der ETOPS betrieben werden kann. Das Resultat aus den Forderungen der Fluggesellschaften und den zu dieser Zeit technischen Möglichkeiten war die Boeing 777-200 oder auch liebevoll „Triple Seven“ genannt. Am 9. April 1994 wurde das neue Flugzeug der Öffentlichkeit vorgestellt, vorhergegangen war eine Bestellung von United Airlines über 34 Flugzeuge mit einer Option auf weitere 34. Im Laufe der Jahre wurden weitere Versionen der Boeing 777 entwickelt und auf den Markt gebracht, wie zum Beispiel die Boeing 777-300 und -300 ER mit einer maximalen Passagierkapazität von bis zu 550 Personen oder die Boeing 777-200LR, die zurzeit die größte Reichweite aller Passagiermaschinen bieten kann, oder die Boeing 777-200F. Fakt ist, dass sich die Boeing 777 als Langstreckenjet im 20. Jahrhundert durchgesetzt hat. Kaum eine international bedeutende Airline hat keine Boeing 777 in ihrer Flotte. Über 1000 Maschinen sind schon ausgeliefert worden, bestellt sind aktuell 1379 (Juli 2012). Für die Zukunft ist eine neue Version der 777 geplant, die noch mehr Reichweite bieten soll, um zum Beispiel Flüge zwischen Deutschland und Australien ohne Zwischenlandung zu ermöglichen.

812643_4449905088093_361448375_o

Außenmodell und Animationen

 

Wie von Captain Sim gewohnt ist das Außenmodell wieder auf höchstem Niveau gestaltet und mit vielen liebevollen Details versehen worden. Hier beweist Captain Sim, dass es bei der Modellierung von Außenmodellen zu den Besten der Szene gehört. Jede Schraube, jeder Hydraulikschlauch, alles ist fein modelliert worden. Die Proportionen stimmen und besonders die gewaltigen GE-Triebwerke, die einen Durchmesser von der Größer eines Boeing-737-Rumpfes haben, können sehr überzeugen. Viele Details lassen sich am Fahrwerk und an den Klappensystemen der Boeing 777 finden. Dass auch die Fahrwerksschächte mit hochauflösenden Texturen daherkommen, versteht sich bei Captain Sim schon von selbst. Auch bei den Animationen spielt Captain Sim seit Jahren in der obersten Liga mit. Über ein eigenes Panel lassen sich die verschiedensten Animationen ausführen. So sind alle Passagier- und Cargotüren der Boeing 777 bedienbar. Es lassen sich die Wheel-Chocks setzen, Plugs wehen im Wind, Notrutschen können „aufgeblasen“ werden und auch ein Blick in die APU ist ohne Probleme möglich. Auf Wunsch begrüßt den virtuellen Piloten auch eine Stewardess am Eingang, selbstverständlich im Dresscode der jeweiligen Airline. Wer sein Flugzeug warten möchte, kann dies selbstverständlich auch tun. Mit Betätigen des Buttons „Service Access“ werden alle nur erdenklichen Türen und Öffnungen der Boeing 777 geöffnet, dies gewährt bisher im Flugsimulator verborgene Einblicke in ein Flugzeug. Selbstverständlich lassen sich auch die Triebwerksverkleidungen öffnen oder aber für eine längere Standzeit am Boden abdecken. Bedacht wurde auch, dass bestimmte Animationen in der Luft bzw. beim Starten der Triebwerke am Boden nicht mehr ausführbar sind. Dass das Fahrwerk bei Start und Landung sensibel auf Gewichtsverschiebungen reagiert und nach dem Start sanft in seine Position „rutscht“, versteht sich schon von selbst. Ebenso gefallen die animierten und sich bei Start und Landung sowie Turbulenzen durchbiegenden Tragflächen sehr.

858424_4450006730634_1901962822_o

Performance

 

Die Performance war in den bisher veröffentlichten Betaversionen nicht besonders gut. Dies hat sich zum Glück etwas geändert. Die Texturen im virtuellen Cockpit laden nun deutlich schneller und auch die Gesamtperformance hat zugenommen. Nach wie vor schlechter ist diese jedoch im grafisch sehr anspruchsvollen Cockpit. Mittelklasse-PCs werden hier schnell an ihre Grenzen kommen und auch bei meinem Probeflug brach die Performance für gut zwei Minuten schlagartig auf 2,5 Bildwiederholungspunkte ein, erholte sich aber nach wenigen Minuten wieder auf 19 Bildwiederholungspunkte. Besonders die Kombination mit detaillierten Flughäfen, viel AI-Traffic und der Captain Sim Boeing 777 ist schädlich für die Performance und wird den virtuellen Piloten schnell die Laune am Produkt verderben.

857892_4450008050667_819981976_o

 

Flugeigenschaften

 

Zu den Flugeigenschaften kann ich mich hier nur bedingt äußern, da mir einfach das Wissen dazu fehlt. Generell würde ich behaupten, dass die Boeing 777 sich für einen Jet dieser Größe ansprechend fliegen lässt. Allerdings hat die Maschine eindeutig zu viel Power; startet man mit voller Leistung, geht sie ab wie eine Rakete, und dies bei maximaler Startmasse. Ebenfalls fällt es sehr schwer im Sinkflug seine Geschwindigkeit abzubauen, selbst mit ausgefahrenen Bremsklappen gelang dies nur sehr schwer. Das Rollen am Boden bereitet keine Probleme, auch sehr enge Kurven meistert die Boeing 777 problemlos.

 

859401_4449993410301_1123290238_o

Sound

 

Der Sound der Boeing 777 ist einmalig und wurde nahezu perfekt in diesem Add-on umgesetzt. Das Aufheulen der Triebwerke beim Start ist ein Ohrenschmaus sondergleichen. Bei der Umsetzung hat Captain Sim auch die Besonderheiten der Soundtechnik des FSX mit einfließen lassen. So hört sich der Sound vor den Triebwerken anders an als hinter den Triebwerken. Ebenso hat man auch nicht den typischen Startsound der GE-90-Triebwerke vergessen. Das tiefe Brummen beim Anlassen ist sehr deutlich, wie in der Realität, zu hören.

 

819252_4449916608381_1034970778_o

Das Cockpit

 

Wie bereits erwähnt spendiert Captain Sim seiner Boeing 777 kein 2D-Panel mehr. Alles, was der virtuelle Pilot zum Steuern benötigt, wird über das sogenannte virtuelle Cockpit abgedeckt. Die Texturen sind extrem hochauflösend und gestochen scharf. Dementsprechend dauert es teilweise auch etwas länger, bis alle Texturen nach einem Wechsel in das Cockpit geladen sind. Die verschiedenen Ansichten, die man mit der Taste „A“ auswählen kann, sind klug gewählt, eine Bedienung aller Elemente des Cockpits ist dadurch ohne Probleme möglich. Selbstverständlich finden sich auch im Cockpit Gebrauchsspuren, Abnutzungsspuren und Kaffeeflecken. Die Cockpitscheiben lassen sich mit einem Klick öffnen, selbstverständlich erfolgt dies nicht lautlos. Fast alle Schalter sind in 3D erstellt worden sowie animiert und mit Sound ausgestattet. Allerdings reagieren einige Schalter nur sehr zeitverzögert oder teilweise gar nicht auf Eingaben durch den virtuellen Piloten. Mit der eingebauten FMC lässt sich arbeiten, aber auch hier muss man sich mit dem Prinzip „hoffentlich klappt alles“ vorerst zufrieden geben. Denn der aktuelle Entwicklungsstand beruht anscheinend auf dem Zufallsprinzip. Auch sind hinter bestimmten Anzeigen die falschen Funktionen hinterlegt, so erscheint nach der Betätigung der DEP/ARR-Taste im FMC immer wieder die SID/RWY-Seite im Anzeigefeld. Auch in unserem FlightM-Forum berichten Käufer gehäuft von vielen Bedien- und Anzeigefehlern. Ebenfalls ist der Ablauf der Checklisten nicht richtig, obwohl alles so eingestellt ist wie gefordert, wird der abzuarbeitende Punkt nicht als erledigt angezeigt. Aus Platzmangel können wir nicht alle Fehler, die unsere fleißigen Forum-Mitglieder in unserem Forum geschrieben haben, abdrucken. Wir empfehlen Ihnen aber ein Blick in das Thema „Captain Sim Boeing 777-200 Vers.1.0 released“.

Das Gleiche gilt für den Autopiloten. Mal hält das Flugzeug ohne Probleme die eingegebene Geschwindigkeit, beim nächsten Mal versagt der Dienst komplett. Vnav und Lnav führten bei mir teilweise zu Flugmanövern, die das Flugzeug in eine ernste Lage brachten, nur durch manuelles Eingreifen konnte Schlimmeres verhindert werden. Mal funktioniert alles halbwegs reibungslos und beim nächsten Flug bricht über den virtuellen Piloten wieder die Hölle herein. „Arbeiten“ kann man damit leider nicht. Weiter auf die vorhandenen Systeme hier einzugehen ist zum jetzigen Zeitpunkt sinnlos, da diese lediglich eingeschränkt, gar nicht oder nur mit vielen Fehlern funktionieren. Sicherlich ist es möglich die Captain Sim Boeing 777 zu fliegen und am Himmel zu halten, doch dazu ist großes Improvisationstalent gefragt und sind viele Flüge erforderlich, um die ganzen Macken des Produktes kennenzulernen.

 

Ein weiteres Gimmick der Maschine ist, das es eine Version gibt, in der die gesamte Kabine nachgebaut wurde. Mit entsprechenden Tools ist es dann möglich sich wie ein Passagier durch die Kabine zu bewegen, Gepäckfächer zu öffnen, sich in der Bordküche einen Kaffee zu machen und das WC zu benutzen. Selbstverständlich sind auch alle Außentüren animiert und benutzbar.

 

860309_4449890407726_627529075_o

 

Die Testflüge

 

Insgesamt habe ich drei Testflüge mit der Boeing 777 rund um den Globus durchgeführt. Das Resultat ist durchwachsen. Ein Flug endete in einem Absturz, der zweite war von Problemen gekennzeichnet, die aber immer noch beherrschbar waren, und der dritte lief problemlos ab. Captain Sim hat versucht so viel wie möglich von den Systemen der Boeing 777 umzusetzen, allerdings scheint mit der Version 1 nur ein Bruchteil davon auch wirklich ohne Fehler zu funktionieren. Autoland und ILS-Anflug waren in zwei von drei Fällen nicht oder nur eingeschränkt möglich. Teilweise funktionierte die Geschwindigkeitseinstellung des Autopiloten nicht oder die Maschine ging im Reiseflug ohne Voranmeldung einfach in einen Sturzflug über. Beim zweiten Flug versagten im Endanflug auf den Zielflughafen alle digitalen Anzeigen, sie hatten sich einfach sprichwörtlich aufgehängt. Ein Neustart gelang nicht. Zum Glück hat die Boeing 777 aber auch noch ein paar analoge Anzeigen im Cockpit, sodass eine Notlandung dennoch gelingen konnte. Auch der FMC an Bord der 777 scheint noch nicht ohne Fehler zu sein, der TOD/T_O_D (Top of descent = Beginn des Sinkflugs) wurde teilweise gar nicht oder falsch berechnet. Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass die 777 im Sinkflug kaum an Geschwindigkeit verliert, nicht einmal die Speed Brakes brachten einen wirklichen Erfolg. Hier heißt es also im Moment mit Bedacht zu sinken. Unzählige Foreneinträge aus der ganzen Welt belegen meine Erlebnisse. Viele Nutzer schildern die gleichen Probleme und Sorgen. Bleibt zu hoffen, dass sich Captain Sim seines Produkts noch einmal annimmt und es nicht auf dem jetzigen Stand der Dinge belässt, denn so kann es auf dem Markt nicht mit der Konkurrenz mithalten.

 

 

Das Fazit

 

Die Boeing 777 aus dem Haus Captain Sim ist ein wirklicher Hingucker und spielt in puncto Außenmodell in der obersten Liga mit. Hier liegen eindeutig die Stärken des Captain-Sim-Teams; man erkennt, wie verliebt die Entwickler in ihr Produkt sind. Ebenfalls überzeugen können die Masse an Animationen, die das Produkt bietet, sowie der wirklich gelungene Sound innerhalb und außerhalb des Flugzeugs. Nachholbedarf besteht definitiv bei der Systemtiefe und der Funktion des Systeme. Hier regiert zurzeit das Zufallsprinzip und damit kann sich kein virtueller Pilot zufriedengeben. Für den doch stolzen Preis von 60 Euro muss Captain Sim mit den nächsten Versionen nachbessern, zumal bald Konkurrenz in Forum der PMDG 777 auf dem Markt erscheinen wird.

 

Christoph Schipke

 

Entwickler:    Captain Sim
Vertrieb:    Captain Sim
Website:    http://www.captainsim.com
Kompatibilität:    FSX
Download:    268 MB
Preis:    59,99 €

Pro:

•Außenmodell
• Sound
• Animationen
Contra:

• Systemtiefe
• Performance
• Fehler in der Systemumsetzung
• Flugdynamik

Related posts