Review: BAE 146 – Jumbolino

Vier sind zwei zu viel …

würden heutzutage die Flottenmanager der etablierten großen Airlines argumentieren. Das sah vor gut 30 Jahren noch ganz anders aus. Es ist wie so oft bei den Flugsimulatorprodukten: Erst müssen die virtuellen Piloten Jahre auf eine Umsetzung einer Maschine warten und dann hat man plötzlich die Qual der Wahl. Genauso ist es auch bei der BAE 146. Nach Quality Wings hat vor einigen Tagen auch Just Flight eine Version des vierstrahligen Regionaljets veröffentlicht.

Das neuste Add-on von Just Flight ist zurzeit nur als Download über dessen Website käuflich zu erwerben. Für 30,95 Euro bekommt man das BAE-146-200-Modell mit 16 Bemalungen. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es für alle Kunden auch die Variante -300 kostenfrei als Download zum Produkt dazugeben. Eine Umsetzung der -100 ist allerdings nach jetzigen Informationen nicht geplant. Nach dem erfolgreichen Kauf sind gut 1,4 GB an zusätzlichen Daten entweder in den FSX oder in den Prepare 3D installiert worden. Weiterhin bietet Just Flight bereits ein Erweiterungspaket für sein BAE-146-Produkt an. Für 8,95 Euro bekommt der Käufer ein F-Lite-FMC und 14 weitere Bemalungen. Wobei bereits an dieser Stelle gesagt sei, dass die BAE 146 ab Werk nie mit einem FMC ausgeliefert wurde. Verantwortlich für das gesamte BAE-146-Projekt war übrigens mal wieder die Designschmiede Commercial Level Simulations, kurz CLS. Diese machte in der Vergangenheit vor allem mit der Umsetzung der 747 Classic und der McDonnell Douglas MD-80-Reihe von sich reden.

Allein die Tatsache, dass die Jungs von CLS hinter der BAE 146 stecken, verspricht ein gewisses Maß an Qualität und Erfahrung. Auch die Featureliste des kleinen Regionaljets lässt sich sehen. Es handelt sich hierbei ausdrücklich um kein F-Light-Produkt.

Erste Projektstudien führen zurück in die späten siebziger Jahre. Der Hersteller Hawker Siddeley plante damals den Bau eines Regionaljets. Die schlechte Wirtschaftslage ließ die Entwicklung jedoch ins Schleppen geraten. Diese jahrelange Entwicklung von Hawker Siddeley und schließlich BAE, in der die Firma Hawker Siddeley aufgegangen war, zwang das Unternehmen fast in die Knie. Erst eine erneute Projektstudie nach gut 20 Jahren Entwicklung brachte dann den finalen BAE-146-Entwurf zu Tage, welcher schließlich auch umgesetzt wurde. Zielsetzung von BAE war es, ein Regionalflugzeug zu entwickeln, das den Komfort einer 747 mit maximaler Funktionalität und Leistung verbindet. Anfangs wurden sogar die gleichen Sitze in der BAE 146 verbaut wie in der Boeing 747. Der Rumpf war für ein Regionalflugzeug besonders breit, im Normalfall sollten 5 Sitze in einer Reihe eingebaut werden, was ein hohes Maß an Komfort versprach. Viele Fluggesellschaften hatten jedoch auch 6 Sitze verbaut, um mit diesem Modell noch wirtschaftlicher fliegen zu können. Ein schöner Nebeneffekt des breiten Rumpfes war es, dass auch das Frachtvolumen außerordentlich hoch war. Bis heute ist kein weiteres Regionalflugzeug mit einem derart breiten Rumpf gebaut worden. Schnell in die Kritik kam die Anzahl der Triebwerke, denn diese fiel mit 4 Triebwerken für einen Regionaljet besonders hoch aus. Doch der Hersteller konnte die Kritiker überzeugen: Ausgestattet mit 4 Mantelstromtriebwerken vom Typ ALF502 vom Hersteller Lycoming (heute Honywell) erbrachte die BAE 146 erstaunliche Leistungsmerkmale und eine hohe Wirtschaftlichkeit. Hinzu kam noch, dass die Triebwerke besonders leise sind und somit prädestiniert sind für Flughäfen mit starken Lärmeinschränkungen. So konnten mit der BAE 146 erstmals Flughäfen mit einem Jet angeflogen werden, die vorher ausschließlich von Propellermaschinen bedient werden durften.

Auch die Konstruktion als Schulterdecker erwies sich als Glücksgriff, denn der Luftstrom rund um das Flugzeug konnte verbessert werden, was eine höhere Wirtschaftlichkeit und einen niedrigeren Verbrauch als Folge hatte. Ebenso war man aufgrund dieser Konstruktion unabhängig von Bodenabfertigungseinrichtungen, da man die wichtigsten Dinge wie APU und Treppen mit an Bord hatte. Die BAE 146 ist mit keiner Schubumkehr ausgestattet; zum Abbremsen des Flugzeugs nach der Landung dienen besonders große Störklappen und leistungsstarke Bremsen. Weiterhin besteht die Möglichkeit, bereits in der Luft am Heck der Maschine eine Luftbremse auszufahren, ähnlich wie zum Beispiel bei der Fokker 70 und 100. Erst mit dieser Luftbremse sind so steile Anflüge wie auf den Flughafen London City möglich. Der durchschnittliche Landewinkel der BAE 146 liegt bei 5,5 Grad; im Gegensatz dazu landet eine Boeing 737 nur mit 3 Grad. Ebenso von Vorteil sind die Leistungsreserven der BAE 146. Zum Start benötigt sie nur 1219 Meter und selbst wenn ein Triebwerk ausfällt, hat die BAE 146 noch genügend Leistungsreserven, die jedem zweistrahligen Verkehrsflugzeug überlegen sind. Bis zur Einstellung der Produktion der Weiterentwicklung der BAE 146, des Avro Regional Jet im Jahr 2003, wurden insgesamt 387 Exemplare gebaut, von denen heute noch eine Vielzahl im Einsatz steht.

Nach diesem kurzen geschichtlichen Einblick wollen wir uns nun wieder der virtuellen Umsetzung der BAE 16 widmen.

Kauf und Installation

Erworben werden kann die BAE 146 auf der Website von Just Flight zum oben bereits genannten Preis. Nach dem erfolgreichen Download muss einfach nur der Installer ausgeführt werden und müssen die Login-Daten eingegeben werden. Anschließend werden alle erforderlichen Daten automatisch in den Flugsimulator kopiert. Die Maschine ist nun einsatzbereit.

Handbuch

Just Flight liefert mit dem BAE-146-Produkt auch ein 60 Seiten starkes PDF-Handbuch aus. Wer zusätzlich das FMC- und Livery-Paket gekauft hat, bekommt ein zweites Handbuch mit 20 Seiten mitgeliefert. Die Aufmachung der Handbücher ist übersichtlich. Es werden alle Instrumente und Funktionen des Cockpits erklärt, ebenso gibt es ein Tutorial, das die Funktionalität des Cockpits an einem Beispielflug erklärt, zudem sind auf den letzten Seiten Checklisten für die BAE 146 vorhanden. Kurzum, die Handbücher bieten alles, was man zum Fliegen benötigt, und geben übersichtlich Aufschluss über so manche Besonderheit bei diesem Regionaljet.

Konfigurationsmanager

Just Flight hat für die BAE 146 einen Konfigurationsmanager erstellt. In diesem lässt sich pro installierte Bemalung einstellen, ob der Flieger mit dem GPS oder dem FMC arbeiten soll und welche Konfiguration gewählt werden soll. Übrigens besaß die BAE 146 in der Realität nie ein FMC, dies wird von Just Flight quasi als virtueller Nachrüstkit angeboten.

Außenmodell und Animationen

Nach dem Start des FSX wähle ich aus einer der zahlreichen Bemalungen die „Star Alliance“-Bemalung der Swiss aus, stelle mich in Zürich auf die Bahn und wechsle sofort in die Außenansicht. Was ich sehe, blendet mich! Die Fototexturen geben dem perfekten Modell den Rest, eine wahre Formschönheit steht hier vor mir. Auch von nah sind die Texturen gestochen scharf, man kann sogar die Nieten erkennen. Überall ist die Maschine mit Details versehen worden, von 3D-Scheibenwischern bis hin zu Stangen und Kabeln im Fahrwerksschacht. Ebenso sind zum Beispiel beim Ausgang der APU Dreckspuren erkennbar. Dieser Flieger muss von außen betrachtet werden!

Auch an den Animationen wurde nicht gespart. Turbulenzen sowie eine Veränderung der Kräfteeinwirkung lassen die Tragflächen schwingen, kurz nach dem Start oder nach der Landung gibt das Fahrwerk sanft animiert nach. Ein weiterer wahrer Augenschmaus ist die Konstruktion der Tragflächen und deren Klappen. Ich empfehle jedem sich diese Konstruktion von nah anzusehen. Besonders wenn die Klappen ein- oder ausfahren, sieht man, welches Know-how die Designer dieser Maschine besitzen. Gleichzeitig öffnen und schließen sich Vorrichtungen, greifen Stangen und Zahnräder ineinander … Ein Augenschmaus vom Feinsten. Über ein eigenes Kontrollpanel, das sich über einen Clickspot im 2D-Panel öffnen lässt, lassen sich die Türen der BAE 146 öffnen. Gleiches gilt für die Cargotüren und die im Flieger installierten Treppen. Diese fahren aus dem Innenraum in den Türbereich und falten sich anschließend nach außen auseinander. Trifft die Treppe auf den virtuellen Boden, gibt sie sogar etwas nach. Ein nettes Feature ist dabei, dass nicht jede Airlinebemalung die gleiche Treppenkonfiguration hat. Einige Airlines haben zum Beispiel nur eine, andere gar keine „hauseigenen“ Treppen. Ebenfalls sehr positiv fällt die Beleuchtung auf, egal ob am Tag oder in der Nacht. Hervorzuheben sind hier besonders die Reflexionen, die die Außenbeleuchtung am Boden, am Rumpf und im Fahrwerksschacht hervorruft. Es ist einfach alles wundervoll und sehr stimmig umgesetzt.

Das Außenmodell und die Animationen sind erstklassig und die BAE kann hier in der obersten Liga der FSX-Modelle mitspielen.

Innenleben und Flugeigenschaften

Wählt man die BAE 146 im Menü aus und stellt sie auf die Startbahn, wird der virtuelle Pilot schnell merken, dass er so mit der BAE 146 nicht in die Luft kann. Das Produkt ist zwar von CLS entwickelt worden, jedoch ist es ausdrücklich kein F-Lite-Produkt. Davon kann sich der virtuelle Pilot spätestens jetzt überzeugen. Ohne Konfiguration der Maschine wird er diese nicht in die Luft bekommen. Zum Glück gibt es ja das Handbuch oder aber eine andere sehr schöne Funktion. Im 2D-Panel kann über einen Clickspot mit dem Namen „Auto“ die Maschine sofort in einen flugfähigen Zustand versetzt werden. Ebenso können über diesen Clickspot alle Unterpanels geöffnet und geschlossen werden. Zudem lässt sich mit einem einfachen Click der Clickspot bis auf ein kleines Symbol zusammenfahren. Damit „verschandelt“ er auch nicht das Cockpit. Von den Texturen im 2D-Panel bin ich allerdings enttäuscht, diese spiegeln eher den Stand zu Anfang des FS2002 wider. Immerhin wurde die Funktionalität großgeschrieben. So gut wie alle Schalter sind animiert. Wer die Triebwerke ausmacht und vergessen hat die APU anzuschalten, wird schnell das Absterben der Instrumente beobachten können. Schön ist auch, dass das Starten der APU akustisch untermauert wird. Ist ein Schalter in der Hydraulik nicht richtig gesetzt, wird man schnell feststellen, dass man die Maschine zwar zur Startbahn bewegen kann, allerdings versagen dann schnell die Höhen- und Seitenruder. Diese haben sich in je eine Richtung festgefahren. Schön auch, dass dies im Modell dargestellt wird. Erst mit den richtigen Einstellungen bekommt der virtuelle Pilot wieder die Kontrolle und kann somit sein Flugzeug in der Luft bewegen. Auch die Kontrolle des Flugzeugs am Boden meistert die BAE 146 mit Bravour. Bisher war ich es von Modellen, die von CLS entwickelt wurden, nicht ganz so gewohnt, dass sich die Maschinen auch am Boden gut lenken ließen, aber bei der BAE hat man auch in der engsten Kurve noch eine Chance und die Gewalt über das Flugzeug. Wirklich gewöhnungsbedürftig ist allerdings der Autopilot. Diesen jetzt bis ins kleinste Detail hier zu beschreiben, sprengt den Rahmen. Es dürfte jedoch für einen Airbus- oder Boeing-Piloten schon recht interessant werden allein den Schalter zum Anschalten des Autopiloten zu finden, dieser befindet sich nämlich auf dem Pedestal-Panel. Auch die Einstellung der Steig- und Sinkflugrate erfolgt nicht über eine Anzeige, vielmehr muss das Flugzeug in die gewünschte Position gebracht und anschließend der Autopilot mit dem richtigen Befehl gefüttert werden. Allein diese Tatsache verspricht spannende Stunden und eine Menge Abwechslung im Trüben Airbus- und Boeing-Alltag. Die Briten mögen es eben etwas anders. Doch schauen wir uns noch das 3D-Panel an. Hier werden wir wieder verwöhnt. Die Texturen sind vom Feinsten, alle Schalter sind in 3D erstellt und wie im 2D-Cockpit animiert. Hier kommt richtig BAE-146-Feeling auf. Auch bekommt man hier einen Überblick, wie breit der Regionaljet ist und in was für einem Uhrenladen man sich doch befindet. Die Anzeigen können wie im 2D-Panel mit einem Click vergrößert werden. Auch die Beleuchtung in der Nacht ist ansehnlich, ein Dimmungseffekt ist allerdings nicht enthalten. Doch damit noch nicht genug. CLS respektive Just Flight hat auch an die Kabine gedacht und diese umgesetzt. Mit der Taste F10 kann man sich nicht nur an verschiedene Positionen im Cockpit versetzen lassen, sondern man kann auch den Sprung in die gut gestaltete und texturierte Kabine machen. Hier hat man die Möglichkeit, entweder auf der linken oder auf der rechten Seite vor oder hinter den Tragflächen Platz zu nehmen. Aus dieser Perspektive wird es auch schwer werden die virtuelle Umsetzung von einem Bild aus der Realität zu unterscheiden. So perfekt ist das Außenmodell modelliert worden, sind Rundungen und Formen gebaut worden. Ganz zu schweigen von den Texturen.

Verbessert man noch etwas die Texturen im 2D-Panel, kann auch das Innenleben absolut überzeugen.

Zu den Flugeigenschaften kann ich keine fundierte Aussage treffen, da ich sie in der Realität nicht kenne. Ich kann nur beurteilen, dass sich die BAE 146 egal ob mit oder ohne Autopilot gut fliegt und Eigenschaften vorweist, die auf ein Flugzeug ihrer Größe gut passen. Egal in welcher Fluglage ich mich befand, die BAE 146 bleibt flug- und beherrschbar.

Sound

Zum Sound kann ich mich wieder fundierter äußern. Zum einen kenne ich ihn von einigen Flügen mit der BAE, zum anderen haben wir hier in Erfurt noch immer das Vergnügen täglich mehrmals von BAE-146-Flugzeugen der TNT angeflogen zu werden. Der Unterschied in der Lautstärke wird besonders deutlich, wenn kurz vorher eine Boeing 737-800 gelandet oder gestartet ist. Dann erscheint einem die BAE 146 wirklich als ein sehr leises Flugzeug. Die Soundumsetzung im FSX kann überzeugen. Vor den Triebwerken ist der Sound ein anderer als hinter den Triebwerken. Der Sound reagiert präzise auf Leistungsveränderungen und vor allem unter Volllast gleicht der Sound zu 100% dem Vorbild.

Fazit

Die BAE 146 von Just Flight kann überzeugen. Wer keine Systemtiefe wie bei der Level-D oder verschiedenen PMDG-Modellen möchte und den Jet vorwiegend für einen Feierabendflug nutzen will oder eben zu den virtuellen Piloten gehört, die nicht jedes System bis ins kleinste Detail umgesetzt haben möchten, für den ist dieser Jet für die Kurzstrecke genau das Richtige. Für gut 40 Euro bekommt man eine Fülle an fotorealen Bemalungen von Fluggesellschaften auf der ganzen Welt, ein Außenmodell, das in der Topliga der FSX-Modelle mitspielt, ein tolles und vor allem komplettes Innenleben sowie hervorragende Sounds. Einziges kleines Manko bleiben die Cockpittexturen im 2D-Panel.

Entwickler: Commercial Level Simulations

Kompatibilität: FSX und Prepare 3D

Web: http://www.justflight.de

Vertrieb: Just Flight / CLS

Download: 365 MB Basepack und 213 MB Jetliner/FMC-Pack

Preis: 30,95 € Basepack / 8,95 € Jetliner/FMC-Pack

Pro & Contra

+ Außenmodell am Rande der Perfektion

+ super Flugeigenschaften

+ schönes virtuelles Cockpit und Kabine mit scharfen Texturen

– Texturen des 2D-Panels verbesserungswürdig

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