Review: Klasse Klassiker oder nur klassische Klasse?

Als iFly-Besitzer darf ich mir die 737 Evolution aus dem Hause Wilco ansehen. Ist das nun eine Ehre oder eher als Strafarbeit anzusehen? Mit Wilco bin ich bisher nur wegen seiner Airbus-Umsetzung auf Tuchfühlung gegangen. Und das ist mehrheitlich eine Hassliebe, bis zum heutigen Tag.

Deswegen bin ich gespannt, ob die Boeing von Wilco meine Wünsche eher befriedigt.

Und so wandern überschaubare 233 MB auf meinen Rechner, für lediglich 39,95 Euro.

Für ein herausragendes Add-on ist das äußerst günstig, andererseits handelt es sich eigentlich nur um eine Weiterentwicklung der über fünf Jahre alten PIC-Serie und darf höchstens als Update angesehen werden.

Die Geschichte der Boeing 737 wurde schon zig Mal durchgekaut, weswegen ich es euch erspare.

Zur Erklärung der drei gelieferten Varianten möchte ich dennoch einige Fakten anmerken.

Größentechnisch ist die 400er jene, die die meisten Paxe aufnehmen kann (bis zu 174), die 500er die wenigsten mit maximal 132 Passagieren, die goldene Mitte trägt die Endung -300 und bietet bis zu 150 Menschen Platz. Diese drei sind aus der Klassikreihe, vereinfacht gesagt auch nur Updates der Urversionen mit einem moderneren Cockpit und Detailverbesserungen am Rumpf und in der Kabine. Die 737-300 konnte auch mit einer seitlichen Frachttüre und schnell umrüstbarer Kabine bestellt werden. Tagsüber eine Passagiermaschine, nachts ein Frachter. Eigentlich eine gute Idee, aber es wurden nur wenige mit diesem Umrüst-Kit bestellt. Leider habe ich bisher noch keine Umsetzung solch einer B737-300QC, steht für Quick Change, für den Flugsimulator gefunden.

Und auch Wilco verabsäumt es, den Cargo-Liebhabern eine Frachtversion mitzuliefern.

Die Dokumentation

Mike Ray, seines Zeichens Airlinepilot, war auch dieses Mal wieder für das Manual zuständig.

Auf 66 Seiten schult er einen Newbie recht zügig auf dieses Muster. Teilweise ist es comichaft dargestellt, so etwas muss man mögen, denn Sätze wie „Die V-Speeds kann man in der Realität auf dem so genannten Flip Book ablesen. Dort bekommt man anhand der Gewichte, Höhen, dem Geburtstag des Kapitäns oder was auch immer, seine Geschwindigkeiten […]“ sind wirklich nicht notwendig. Zumindest weiß man anhand des Manuals, worum es in der Wilco 737 Evo geht. Auch hat er Checklisten beigefügt plus ein wenig Werbung. Lustigerweise sind die Werbung und die ersten zwei Seiten in Farbe gehalten, während der Rest Schwarzweiß blieb. Ob er nur unsere Druckerpatronen schonen wollte, stand bis Redaktionsschluss nicht fest.

Die Installation

Keine Hexerei. Installer starten, Serial eingeben und schon kann man im FSX loslegen.

Einige Liverys werden gleich mit installiert und da sollte wirklich für jeden User erstmal etwas dabei sein. Von Amerika über Europa, und Asien bis Australien, aus jedem Kontinent bekommt man mindestens ein Repaint mitgeliefert.

Das Außenmodell

Sie steht endlich satt vor uns, nicht wie ihr Vorgänger, der doch eher pummelig und unförmig war. Viele nette Details sind zu erkennen, wie die Fahrwerksgeometrie, die Hydraulikschläuche und Stellmotoren des Landeklappensystems. Was meiner Meinung nach ein absolutes No-Go ist, sind die Triebwerkstexturen. Ob man die Power auf Idle oder N1 100% anstehen hat, die Fans zeigen keinerlei Unterschied. Selbst im, Gott hab ihn selig, FS9 erkennt man eine deutliche Veränderung.

Die Beleuchtungseinheit ist wiederum gut nachempfunden. Boeing-typisch blitzen die Strobes im richtigen Takt. Negativ anmerken muss ich im gleichen Atemzug die Nachtbeleuchtung. Von der Kabine ist nichts zu sehen, scheinbar haben alle Paxe das Rollo heruntergezogen. Auch die Landescheinwerfer sind deutlich unterdimensioniert. Die Klassikserie ist nicht die neueste, aber selbst 1989 hat man keine Grablichter mehr eingebaut. Beim Rollen funktioniert auch das am Bugfahrwerk montierte Taxylight nicht, es leuchtet stur geradeaus. Sorry, nochmal der Verweis auf meine PMDG von anno dazumal. Im FS2004 war das schon deutlich besser umgesetzt. Möge bitte ein baldiger Patch kommen, der uns da ein wenig mehr Flair liefert!

Das Cockpit

Im Innenbereich dieselbe Leier wie auch außen. Das Licht ist einfach nur furchtbar. Aus/Ein. Fertig. Eine Dimmfunktion ist nicht umgesetzt. Wobei mir gerade nachts das 2D-Cockpit um einiges besser gefällt als die Umsetzung des virtuellen Cockpits. Dort kommt nun wirklich kein Flair auf. Bei Tageslicht sieht die Sache gleich ganz anders aus, wobei mir auch dabei das 2D-Cockpit besser gefällt. Hervorragend ablesbare Beschriftung, ein klein wenig abgenutzt, eben ein Cockpit alter Schule. Im VC sieht mir alles ein wenig zu plastisch aus. Lieblos einfach.

Ebenso vermisse ich kleine Highlights. Das Seitenfenster öffnen oder Sonnenschutz betätigen, leider nichts dergleichen möglich.

Was ich der Wilco-Mannschaft absolut zugutehalten möchte, ist die Tatsache, dass sie uns überhaupt ein 2D-Cockpit mitgeliefert hat, noch dazu da sie es liebevoller gestalteten als das virtuelle Cockpit. PMDG scheint dies ja nicht mehr für nötig zu halten.

Die Soundfiles sind durchwegs gut gelungen, nur vom Triebwerk würde ich mir noch einige Verbesserungen wünschen. Es klingt einfach nicht wirklich wie ein CFM 56-3.

Add-ons für Add-ons gab es jedoch schon immer, man erinnere sich an Turbine Sound Studio, spätestens ein vergleichbarer Anbieter wird das richten müssen, sofern Wilco hier nicht nachbessert.

Die Flugeigenschaften

Ein Punkt, an dem ich sehr wenig auszusetzen habe. Holding Entrys funktionieren tadellos, SID und STAR wurden anhand des mitgelieferten AIRAC (Stand November 2011) auch so abgeflogen, dass kein Controller mich rügen würde. Lediglich den Decentmode, ein fürchterliches Thema bei den Airbussen aus demselben Haus, sollten sie nachbessern. In der 737, so hatte ich dies beim Typerating eingetrichtert bekommen, möge man dem FMC eine fixe Speed von 280 Knoten einprogrammieren. Das erfolgt bei jedem Flug aufs Neue und funktioniert auch bei der Wilco-Version ausgezeichnet. Sobald man sich aber im Anflug befindet und die Speed manuell auf einen geringeren Wert einstellt, angenommen beim Intercepten des ILS mit 210 Knoten, kann es durchaus sein, dass die Triebwerke erst bei 190 Knoten Schub geben, um wieder auf den gewünschten Wert zu steigen. In Frankfurt, einem Airport mit strengen Separationen, wird mich der Approach oder Tower für solche Ungenauigkeiten hassen.

Manuelle Landungen gehen wiederum sehr sauber von der Hand. Die Trimmung arbeitet gut, wenn man sie länger betätigt, verdoppelt sich der Trimmgrad nach einiger Zeit. Die Callouts des Kopiloten und GPWS sind akkurat und gut hörbar. Die Reverser könnten einen Tick besser zupacken, für den Hobbysimmer reichen sie aber absolut aus. Das zu monieren wäre die Suche nach Flöhen.

Komischerweise habe ich es auch mit mehreren Anläufen nicht hinbekommen, einen rejected takeoff der 737 ordentlich abzuhandeln. Weder die Autobrakes noch die Spoiler arbeiteten so, wie sie sollten. Ein weiteres No-Go, für meine Begriffe.

Eine meiner Lieblingsdisziplinen, auch damals im Simulator, Enginefailure.

Mit der Wilco auf FL170 über Palma, Triebwerk 1 meldet Feueralarm und brennt, optisch gut umgesetzt. Checklisten für Abnormal Procedures liefert uns Mike Ray nicht mit, wäre in diesem Fall aber durchaus hilfreich. Vor allem, da er sie bei der Einleitung dezidiert erwähnt und uns geradezu beschwört diese genauestens abzuarbeiten. Also aus der Erinnerung: Feuerlöscher betätigen, dieser leuchtet im 3D-Panel fröhlich vor sich hin, im 2D-Panel ist dies nicht simuliert. Als Simulatorpilot ist man nicht nur alleine am Werkeln, auch muss man nun zwischen 2D- und 3D-Cockpit herumswitchen. Ein Halleluja auf die Human Performance. Gleich über der Feuerlöschanlage ist bekanntlich die Treibstoffzufuhr, welche wir zeitgleich kappen, aber bitte jene vom richtigen Triebwerk. Masteralarm bestätigen, ATC informieren und so weiter …

Das Feuer, so viel sei gesagt, bleibt uns bis zur Landung erhalten, welche wiederum gut durchführbar ist. Die Steuerung ist mit nur einem Triebwerk definitiv zu einfach, selbst mit ordentlich Schub sind turns Tegen die Triebwerksleistungs gut durchführbar. Das hilft dem Hobbypiloten, das von Wilco selbst angedichtete Motto „So gut, dass die Airlinepiloten ihn verwenden können“ ist in diesem Fall jedoch arg übertrieben.

Fazit:

Für den Feierabendpiloten eine nette Maschine. Der Rechner hat nur kleinere Leistungseinbrüche erlitten, die Frames lagen durchwegs über 20 FPS. Wenn man schon die 737PIC sein Eigen nennt, lohnt das Upgrade eher nicht, ebenso wenig wenn man die NG-Version von iFly oder PMDG am Rechner hat. Bei Letzterer fehlt eine ordentliche Umsetzung des 2D-Panels, was wiederum ein klarer Vorteil der Wilco-Umsetzung wäre, sofern man dieses Feature vermisst. Letztendlich bekommt man bei Wilco drei Modelle um unter 40 Euro, da kommen die beiden Mitbewerber preislich nicht mit.

Alles in allem doch gute eine Mischung, ein klassischer Klassiker, klasse umgesetzt.

Wenn auch nicht zu 100%.

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