Tower 2011 – ein neuer Versuch

Tower 2011 – ein neuer Versuch

Versuche, einen vernünftigen ATC-Simulator (ATC = Air Traffic Control) zu realisieren, gab es in den letzten Jahren viele. Wirklich ernst zu nehmende Produkte, die ein reales Feeling hervorkommen lassen, gibt es aber meines Erachtens nicht. Lediglich das Payware-Produkt „London Control“, das einen Center- und Approach-Simulator darstellt, kann in Bezug auf Design und Realismus punkten. Mit „Tower 2011“ sucht Feelthere nun das Glück auf kleinerer Ebene, nämlich in den Kontrolltürmen. Wie der Name schon sagt, soll das Treiben in den Towern simuliert und nachgestellt werden. Ob dieser Versuch nun wirklich auch gut gelungen ist oder ein Flop wie viele Vorgänger wurde, soll dieser Test zeigen.

Dieses Review erschien in der Juni-Ausgabe der Flight!. Sie können das Einzelheft unter abo.flightm.com nachbestellen, das EPaper unter epaper.flightm.com

Entwickler: Feelthere
Vertrieb: Wilcopub
Website: http://www.wilcopub.com
Kompatibilität:
Download:
Preis: UVP: 35,95 €
aktueller Amazon Preis: 26,99 €
Pro und Contra
Pro: –          Ein zumindest ernst zu nehmender Versuch, einen   ATC-Simulator zu realisieren

–          Grafik und Design ansprechend

–          Realistische Ansätze in der Handhabung

Contra: –          Voice-Erkennung eher mäßig realisiert

–          Schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis

Bevor man überhaupt einen solchen Review schreibt und anschließend eine Bewertung abgibt, muss man sich im Klaren darüber sein, unter welchen Gesichtspunkten man ein Produkt bewertet. Soll der Realismusgedanke im Vordergrund stehen oder etwa doch der Spaßfaktor? Wird Wert gelegt auf eine ansprechende Optik oder spielt die Performance eine größere Rolle? Gerade bei Programmen wie eben diesem Tower-Simulator dachte ich schon vor dem Testen über diese Fragen nach. Fakt ist, dass die Produktpalette ziemlich groß ist. Zweifelsfrei ist ebenfalls, dass sich unter all den Programmen auch viel schlechtes Material befindet.

In den Weiten des Internets finden sich viele beispielsweise durch Java animierte kleine sogenannte „Browsergames“, die mit wenig grafischem Schnickschnack durchaus einen hohen Spaßfaktor haben. Wirklich professionell wird es dann erst im Payware-Bereich. Mit dem schon angesprochenen „London Control“ ist eine realistische Handhabung der Flugzeuge im Reiseflug, beim Start und auch im Landeanflug möglich, auch wenn die Voice-Erkennung erst nach einer gewissen Eingewöhnungsphase sinnvoll zu nutzen ist. Wem das noch zu unrealistisch ist, der meldet sich am besten auf einem der großen Onlinenetzwerke IVAO oder Vatsim an. Generell empfiehlt sich eine Anmeldung, denn nirgendwo sonst kann man beim Lotsen mit echten Menschen sprechen anstatt mit der Computerstimme.

Aber trotzdem, Tower 2011 ist neu und bedarf eines Tests. Für fast 36 Euro steht das Produkt auf der Seite des Publishers Wilco zum Download bereit, ein ziemlich hoher Preis für meinen Geschmack, hoffentlich ist es diesen auch wert. Download und Installation klappen erwartungsgemäß einwandfrei, und so steht einer Runde ATC nichts mehr im Wege.

Nach dem ersten Start fällt sofort die anschauliche Benutzeroberfläche ins Auge. Diese ist nicht zu kompliziert und damit für jedermann sofort verständlich aufgebaut. Im Prinzip müssen nur der Airport, das Wetter, die Zeit und die aktive Piste ausgewählt werden. Als Flughäfen stehen Los Angeles, Miami und St. Thomas auf den Virgin Islands zur Verfügung. Bevor die Simulation mit einem Klick auf Start beginnt, schaue ich mir die Einstellungen an. Unter Settings sind die wichtigsten Dinge für eine vernünftige Simulation aufgelistet, angefangen bei den Grafikeinstellungen bis hin zu den Tastaturbefehlen. Diese können hier auf Wunsch geändert werden. Für meinen ersten Test, bei dem ich bewusst noch auf die Spracherkennung verzichte, lasse ich alle Tasten wie in den Grundeinstellungen belegt.

Um einen ersten Überblick über die Funktionen von Tower 2011 zu bekommen, empfehle ich die erste Runde ATC auf St. Thomas. Hier befinden sich nur eine Start- und Landebahn und ein relativ überschaubares Vorfeld. Der Aufbau des Bildschirms ist insgesamt sehr logisch. Die Fenster zusätzlich zur Vogelperspektive auf den Flughafen können, bei Bedarf, minimiert werden oder auch auf einen falls vorhandenen zweiten Bildschirm geschoben werden. Dies empfiehlt sich, da anschließend ein freier Blick auf den Flughafen ermöglicht wird. Ehrlicherweise muss dazu gesagt werden, dass dieser „freie Blick“ nicht unbedingt nötig ist. Mit allen anderen Hilfsmitteln komme ich wesentlich besser klar. Zu diesen Hilfsmitteln gehören ein Radar für den Anflugsektor, ein Bodenradar, eine Box mit den Flightstrips und die Box für die Eingabe der Kommandos.

In der Zwischenzeit ist der erste Flieger am Boden abflugbereit und erbittet eine Rollfreigabe, wie in der Kommandobox zu erkennen ist. Mittels Tastaturkombinationen wird das Flugzeug zu der Startbahn geleitet. Soll es beispielsweise zur Piste 28 rollen, muss standardmäßig „Alt + R“ und anschließend „28“ gedrückt werden. Im Idealfall bestätigt der Pilot diese Anweisung nun. Sagt er allerdings „Negative“, wurde eine Anweisung vorher wahrscheinlich vergessen. Beispielsweise muss dem Flugzeug vor dem Take-off eine Anweisung gegeben werden, was es nachher fliegen soll. Hier ist das Handbuch besonders hilfreich.

Wenn es auf dem Vorfeld und in der Luft anschließend voller wird, ist das Handling durch jede manuelle Eingabe ziemlich zeitaufwändig. Was hilft da nicht mehr als eine Spracherkennung? Nach der langwierigen Installation meines Mikrofons, die mehrfach nicht klappte und auch erst nach einigen Tricks aus dem Forum der Entwickler wirklich funktionierte, sind endlich Anweisungen per Sprache möglich.

Die Umsetzung der Spracherkennung ist im Großen und Ganzen noch ordentlich gehalten, enthält aber auch einige Defizite. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass nur bei einer wirklich glasklaren Aussprache und einer langsamen Sprechweise die Anweisung auch verstanden und realisiert wird. Wenn man dann doch ab und zu eine Anweisung wiederholen muss, ist auch diese Methode nicht die effizienteste. Zusätzlich muss beim Lotsen auf eine korrekte Syntax geachtet werden, sonst kann das System nichts mit dem Kommando anfangen. Dies ist für mich immer noch schwierig, da ich zum Teil andere Phrasen aus der realen Luftfahrt kenne.

Das Problem mit der Spracherkennung ist aber, so meine Einschätzung, ein Defizit, was sich technisch kaum besser lösen lässt. Daher bin ich in der Bewertung auch in einer gewissen Zwickmühle, da die Spracherkennung auf der einen Seite nur bedingt zu gebrauchen ist, auf der anderen Seite aber auch schwer besser zu gestalten ist.

Mittels Multiplayer und eines zweiten Spielers, der ebenfalls Tower 2011 besitzen muss, lassen sich die Aufgaben vom Ground- und Towercontroller aufteilen.

Was bleibt abschließend zu sagen? Wer eine wirklich realistische Simulation eines Towerlotsen haben möchte, hat wohl wirklich nur die Chance, bei IVAO oder Vatsim zu lotsen. Spaß macht Tower 2011 dennoch, und auch die Langzeitmotivation kommt nicht zu kurz. Lediglich der Preis ist ziemlich hoch angesetzt, anders scheint man wohl heutzutage nicht über die Gewinnschwelle zu kommen.

Armin Klose

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