Going Down Under – Cairns Intl. Airport

Es ist heiß. Als wir unseren Van auf dem Parkplatz nahe des General Aviation Terminals abstellen, um die letzten Meter zu unserer Cessna C340 zu Fuß zu bestreiten, erschlägt uns das schwüle Wetter fast. Das Thermometer im Wagen zeigt 34° C bei tropischen Verhältnissen. Kein Wunder – es ist April, der Sommer hat die tropische Region Australiens noch voll im Griff. Geplant ist ein Tagesausflug nach Townsville, Queensland, der nächstgrößeren Stadt von Cairns. Die bezaubernde Landschaft, die in der Ferne langsam im Dunst verschwindet, verspricht uns einen wortwörtlichen Höllentrip Richtung Süden.

Dieser Testbericht erschien in der Flight! Ausgabe Mai 2011.

Da bin ich doch heilfroh, dass ich mich bei deutlich kühleren Temperaturen noch in unseren Breiten befinde und die neue Szenerie von ORBX bestaunen darf. Der Hersteller ist für seine hochqualitativen Add-on-Szenerien für den Microsoft Flight Simulator X bekannt, die Mitarbeit von namhaften Größen aus der Szene, wie beispielsweise Holger Sandmann, dürfte nicht unbedeutend zum Erfolg der Entwicklergruppe, die mittlerweile über 30 aktive Mitglieder umfasst, beigetragen haben.

Die Wurzeln gehen bis zum FS9 zurück und dessen – für damalige Verhältnisse – grandioser Vista Australis Freeware, geläufiger unter dem Namen VOZ, die noch als privates Projekt des heutigen ORBX-CEO John Venema entstand. Mit der Zeit stießen immer neue Szeneriedesigner hinzu, bis das VOZ-Projekt mit Version 1.8 im Jahre 2009 auf Eis gelegt wurde, womit eine Weiterentwicklung für FSX zunächst ausblieb. Bereits im Vorjahr brachte ORBX mit dem „FTX Australia Blue“ sein erstes FSX-Add-on auf dem Markt, das in puncto Qualität bis dato alle großflächigen Erweiterungen für den Simulator übertraf. Nur wenige Monate später folgten die fehlenden Terrain-Pakete, Australien im FSX hatte ein neues, noch nie dagewesenes Gesicht bekommen. Neben den weitläufigen Landschaftsveränderungen bescherte ORBX den Benutzern mit hochqualitativen Flughafenerweiterungen zusätzlich Freude. Diese erscheinen sowohl als Freeware, meist kleine Regionalplätze, als auch in kostenpflichtiger Form von größeren Verkehrsflughäfen. Egal welchen Airport aus der FTX-Sammlung der virtuelle Pilot anfliegt, eins ist immer gleich: Die Qualität der Umsetzung ist konstant. Konstant außergewöhnlich. Im Moment wird es wohl sehr schwer sein, einen Hersteller zu finden, der mit mehr Sorgfalt und Liebe zum Detail arbeitet als das Team rund um John Venema. Es ist schon fast die Regel, dass im Gegensatz zur Konkurrenz nicht nur das Flughafenareal selbst umgesetzt wird, sondern auch noch angrenzende Siedlungsgebiete, die sich nicht selten über dutzende Quadratkilometer erstrecken. Dabei verwenden die Entwickler Satellitenbilder mit einer Auflösung von bis zu 7 cm/Pixel, auf denen realitätsnahe Autogenobjekte mit hoher Genauigkeit platziert werden. Das Erfolgskonzept scheint aufzugehen – doch die Gruppe von ORBX will mehr.

Die neueste Entwicklung des Teams nennt sich „People Flow“ und könnte sich schon bald zum Problem für den Platzhirsch AES entwickeln. Denn „People Flow“ bringt deutlich mehr Leben an den Ort des Geschehens, herumlaufende Passagiere und Servicepersonal gehören definitiv zu den Eye-Catchern des Add-ons, das wir bereits in der Ausgabe 04/11 im Vergleich mit dem deutschen Vorreiter AES angesprochen haben.

Der Cairns International Airport gehört zu den neuesten Umsetzungen und ist leider noch nicht mit dem oben angesprochenem „People Flow“ ausgestattet, was laut der Entwicklerwebsite aber in Kürze nachgereicht werden soll. Ein anfängliches Problem der Entwicklergruppe war der Vertrieb der Erweiterungen, vor allem der Box-Versionen mit DVD. Der Weg per Post von Australien bis Europa war nahezu unmöglich, zum einen wegen der langen Lieferzeit, zum anderen sind Probleme bei der Zolleinfuhr nicht zu vernachlässigen. Deswegen blieb vielen Kunden wohl oder übel nur der Kauf per Download aus dem australischen FlightSim Store. Wie schon gesagt, gehört dies aber nur zu den anfänglichen Problemen, ORBX hat vorbildlich nachgebessert und Partner wie Aerosoft für den europäischen Vertrieb herangezogen.

Im Fall von Cairns kostet die Box-Version bei Aerosoft 29,99 Euro, den Download bei flightsimstore.com gibt es für 33 australische Dollar, umgerechnet circa 24 Euro. Wem die knapp 1,7 Gigabyte der Softwareversion nicht zu groß sind, fährt mit dem Download also ein ganzes Stück günstiger. Hier gilt es allerdings zu beachten, dass der FlightSim Store Wrapper einen PC mit Internetverbindung benötigt, andernfalls ist eine Installation der Szenerie nicht möglich. Was aber letztendlich auf der Festplatte installiert wird, ist in beiden Fällen identisch. Nachdem die Installation abgeschlossen ist, findet man auf seinem Desktop zwei neue Verknüpfungen: zum einen einen Verweis auf ein Konfigurationsprogramm der Szenerie, zum anderen das Handbuch im PDF-Format. Letzteres ziehen wir vor, da es das Zusatzprogramm und benötigte Einstellungen im FSX genauer beschreibt, sodass ein erster Ausflug im virtuellen Queensland problemlos möglich ist. So wird beispielsweise empfohlen, den Autogenregler auf „Normal“ zurückzudrehen – wer ohne exorbitante Hardware höhere Einstellungen setzt, wird kaum an eine vernünftige Bildwiederholungsrate herankommen. Szenerien aus dem Hause ORBX sind nicht dafür entwickelt, mit allen Einstellungen am Maximum zu fliegen, sondern für jeden Benutzer – auch mit durchschnittlicher Ausrüstung – ein möglichst realistisches Feeling zu geben. Autogeneinstellung auf „Normal“ reicht also vollkommen aus, mehr ist einfach nicht nötig.

Zusätzlich wird im Handbuch dringend dazu geraten, die Auflösung der Bodentexturen auf 30 cm/Pixel, besser sogar auf 7 cm/Pixel zu stellen. Nur so kommen die hochaufgelösten Satellitenbilder richtig zur Geltung, im direkten Flughafenareal bedeuten geringere Auflösungen eine deutlich schlechtere Darstellung der Rollwege und Parkpositionen. Die Ursache hierfür liegt in der Programmierung der Szenerien: Nicht wie bei fast allen anderen Add-ons üblich, bekommt der Boden seine Struktur durch Texturen, die über das Luftbild gelegt werden und es somit komplett verdecken. ORBX macht sich hier die extreme Auflösung von 7 cm/Pixel zunutze und legt einfach eine transparente Ebene, die dem Bild nur noch die entsprechende Musterung gibt, darüber.

Der letzte erwähnenswerte Punkt des Manuals ist die Konfigurationssoftware für den Cairns Intl. Airport. Mit diesem Programm lässt sich die Szenerie den Wünschen des Benutzers beziehungsweise dem entsprechenden Hardwareprofil anpassen. So ist es möglich, dass alle Autogenbereiche und sonstigen Zusätze (Schiffe, statische Flugzeuge etc.) einzeln ausgeblendet werden können, um ein optimales Performancelevel zu erreichen.

Begeben wir uns aber zurück zur Cessna, die auf dem Vorfeld schon auf uns wartet. Unser virtueller Rundgang fängt also wieder auf dem Parkplatz an, wo wir unser Auto abgestellt haben. Obwohl es noch früh am Vormittag ist, sind die Parkmöglichkeiten schon gut ausgenutzt. ORBX beweist hier ein gutes Händchen mit der Gestaltung der Bereiche, die man vom Vorfeld aus nicht sehen kann. Überall geparkte Autos, auf den Wegen Personen mit ihren Koffern – die Airport-Atmosphäre wird stimmig wiedergegeben.

Kaum im Flugzeug angekommen, fordern wir unsere Freigabe für den Flug nach Townsville an. Der Wind weht leicht aus Süden, deshalb werden wir den Flughafen voraussichtlich über Bahn 33 verlassen, bei der Planung der Abflugroute zeigt sich allerdings ein kleines Problem: Das Handbuch beinhaltet leider nur eine grobe Groundchart, andere Karten für An- und Abflugprozeduren sucht man vergeblich, schade eigentlich. Retter in der Not ist www.airservicesaustralia.com, das kostenlos sämtliche Karten der australischen Flughäfen, stets auf dem aktuellsten Stand, anbietet.

Nachdem die Triebwerke nun endlich laufen, wird es Zeit eine Rollfreigabe anzufordern – der Tower schickt uns, wie vermutet, zur Startbahn 33. Während des Rollvorgangs erscheinen immer mehr noch so kleine Details im Blickfeld des virtuellen Piloten, die es schwierig machen sich überhaupt noch auf die Steuerung des Flugzeugs zu konzentrieren.

„Cleared for Take-off, Runway 33“ schallt es schließlich aus dem Headset, es kann also losgehen. Die Cessna C340 (aus dem Hause Carenado – Test in Ausgabe 04/11) beschleunigt mit ihren zwei Motoren schnell, sodass wir schon nach etwa einem Drittel der 45 Meter breiten und etwa 3 Kilometer langen Startbahn abheben. Nach einem kurzen Steigflug drehen wir nach rechts Richtung Süden ab, sodass das Stadtgebiet von Cairns nun direkt vor uns liegt. Durch einen Blick aus dem Seitenfenster zeichnet sich uns das Gelände des Flughafens ab, perfekt in die Umgebung eingepasst. Einfach top.

Kaum zwei Minuten später passieren wir auch schon das Stadtzentrum der 100000-Einwohner-Stadt. Hab ich die Autogeneinstellung wirklich auf „Normal“ gestellt? Eine kurze Kontrolle gibt mir Gewissheit. Trotzdem ist das Stadtgebiet voll mit eigens erstellten Häusern, die ihren originalen Vorbildern bis ins kleinste Detail nachgeformt sind. Im Yachthafen drängen sich die aus der Luft wie Spielzeuge aussehenden Ausflugsschiffe dicht aneinander, auf dem Fluss, der von landeinwärts ins Meer fließt, erkennt man ganze kleine Flotten in Bewegung. Die Performance der Szenerie ist – gemessen am Autogen und der Auflösung der Texturen – enorm, konstante 25 fps sind mehr als machbar.

Weil es so viel Spaß macht, die Stadt mit ihrem enormen Detailreichtum zu erkunden, drehen wir noch einige Runden, bevor unsere Cessna endgültig Kurs auf Townsville nimmt. Von dort aus werden wir in der nächsten Ausgabe unsere Reise Richtung Brisbane fortsetzen, dessen Airport ORBX ebenfalls umgesetzt hat. Hoffentlich in gleicher Qualität, aber daran lässt sich wohl kaum zweifeln. „Cairns International Airport“ aus dem Hause ORBX ist definitiv eine Kaufempfehlung wert, denn das Preis-Leistungs-Verhältnis ist fast unschlagbar, und Szenerien, bei denen mit mehr Liebe zum Detail gearbeitet wurde, werden schwer zu finden sein. Warum also nicht mal ein paar Flugstunden in Down Under? Es lohnt sich!

Florian Schlund

Entwickler:    ORBX
Vertrieb:    www.flightandfun.de
Website:    www.fullterrain.com

Kompatibilität:    FSX Service Pack 2
Download:    flightsimstore.com
Preis:    32,95 AUD (ca. 24€)

Pro:
–    Extreme Details
–    Hohe Auflösung der Texturen
–    Gute Performance
Contra:
–   Nichts